Freitag, 3. März 2017

03.03.2017 - Evelyn Waugh

Als ich nach dem Abitur nach Amerika reiste, hatte ich mich gut vorbereitet: Ich hatte Kassetten mit Musik der Beach Boys und Jan and Dean bespielt, und einen Reiseführer zur Mentalität der aufgesuchten Eingeborenen gelesen. 

Der Reiseführer heisst “Tod in Hollywood” und stammt aus der Feder des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh, der seine kurze und erfolglose Karriere als Drehbuchautor in Los Angeles in diesem ebenso scharfen wie ironischen Roman verarbeitete. Es geht, grosso modo, um die Unvereinbarkeit des american way of life mit allem, was auch nur ansatzweise als europäische Nonkonformität, Exzentrik und moralische Flexibilität gelten kann. 

Die Tugenden der Neuen Welt, so das Fazit, sind im tödlichen Gegensatz zu den gehobenen Sitten des Alten Europa, und genau so war das auch bei meiner Reise. Ich habe viel gesehen, aber das reicht mir auch und wer die USA meidet, weil Trump dort herrscht, kann einfach Waughs Buch kaufen. Es lohnt sich.
 

Waugh selbst war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er war ethnisch sehr diverser Abstammung und kam aus dem reichen Bürgertum, hatte in seiner Jugend etliche homosexuelle Affairen, und lange Zeit Schwierigkeiten, einen angemessenen Platz im Leben zu finden. Er war geistreich, aber flatterhaft und unangepasst, moralisch eher fragwürdig und getrieben von Geltungs- und Vergnügungssucht. 

Überliefert wird, dass er andere gern schikanierte, und eine Stellung verlor, weil er im betrunkenem Zustanden eine sexuelle Annäherung versuchte. Ausserdem konvertierte er zum Katholizismus, was auf beiden protestantischen Seiten des Atlantiks bei den lutheranischen und sonstigen Ketzern als Zeichen ethischer Fragwürdigkeit galt, und wohl auch immer noch gilt, wenn man die Debatten um den britisch-jüdisch-katholisch-homosexuellen Provokateur und jüngst zurückgetretenen Breitbart-Autor Milo Yiannopoulos anschaut. Generell ist die Figur von Milo leicht verständlich, wenn man Waugh, seine Biographie, sein Werk und besonders die Figur des Anthony Blanche in Waughs Klassiker “Brideshead revisited” kennt.
 

Amerikanern ist diese Parallele völlig entgangen, denn es gibt Waugh nicht als Serie bei Netflix, und obendrein sind sie in ihren moralischen Werten immer noch eine Gesellschaft, die mit britischer Exzentrik und Lust an Provokation nur begrenzt umgehen kann. Anders ist der Fall und Niedergang des Milo Yiannopoulos nicht zu erklären, dem letztlich ein lang bekanntes Video zum Verhängnis wurde, in dem er über die Frage der Zustimmung von Minderjährigen zu sexuellen Handlungen unter anderem an seinem eigenen Beispiel spekulierte. 

Das Thema ist schwierig und komplex, wäre aber im europäischen, gebildeten Kontext rund um die Frage des sexuellen Erwachens junger Menschen nicht ungewöhnlich – nicht umsonst erscheinen Beiträge über den Pornovideokonsum und das Sexualverhalten von Minderjährigen. Milo erzählt erkennbar sarkastisch von Sex mit einem Priester, und am eigenen Beispiel, dass er sich durchaus in der Lage fühlte, selbstbestimmt in sexuelle Handlungen einzuwilligen. Ausserdem diskutiert er die – in der Debatte durchaus sinnvollen – Unterschiede zwischen Pädophilie und sexueller Attraktion im fortgeschrittenen Jugendalter.
(FAZ, 3. März 2017, Von Don Alphonso)

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