Harald Stumpf
Prälat - Evangelische Prälatur
Alexanderstraße 70
74074 Heilbronn
16. April 2017
Betrifft:
Ihr STIMME-Interview, 15. 04.2017
Sehr
geehrter Herr Prälat Stumpf,
Sie
haben der Heilbronner Stimme in Ihrem
Oster-Interview (Samstag, 15. April
2017, Seite 28) gesagt:
„Luther hat die Bibel ins Deutsche
übersetzt, weil er wollte, dass sie alle Christen selbst lesen, ihr eigenes
Bild machen können und den Glauben reflektieren. (1)
Glaube heißt nämlich nicht, man bekommt
von Oben vorgesetzt, was man gefälligst zu glauben hätte, ohne „Wenn und Aber“.
(2)
Glaube will nachgefragt, reflektiert,
in Frage gestellt werden.(3)
Glaube will gebildet werden,
akademisch, wissenschaftlich und als gelebte, geistliche Lebenspraxis – ganzheitlich.
(4)
Gebildeter, reflektierter und im
Diskurs bewährter Glaube schützt vor Fanatismus und Extremismus.“ (5)
Ich
nehme zu Ihren Gunsten einmal an, Sie haben Ihre gesprochenen Worte nicht
gegengelesen – und Sie haben nicht korrigierend das Interview überarbeitet. Oder
etwa doch?
Das
gesprochene Wort wird im Normalfall abgeschrieben und vom Interviewten
gegengelesen – und danach freigegeben.
Das ist bei seriösen Tageszeitungen üblich.
Egal
wie … Sie haben Ihr Interview gegeben und freigegeben, das in der Zeitung
„Heilbronner Stimme“ erschienen ist. Das ist die reale Wahrheit.
Ad (1)
- Sie behaupten darin, Luther habe die Bibel ins Deutsche übersetzt. Aber Sie müssten als Theologe jedoch wissen: „Erste
komplette deutsche Übersetzungen des Neuen und des Alten Testaments entstanden
im 14. Jahrhundert. Die älteste überlieferte Übersetzung des Neuen Testaments
ins Deutsche ist eine Augsburger Pergamenthandschrift von 1350. Mit der in Prag
entstandenen so genannten Wenzelsbibel
gab es Ende des 14. Jahrhunderts auch eine handschriftliche Übersetzung des
Alten Testaments, allerdings ohne die Kleinen Propheten.
Im 14. und 15. Jahrhundert entstanden auch außerhalb der Klöster eine Vielzahl
z. T. hochwertiger mittelhochdeutscher Übersetzungen, auf die Martin Luther und andere
zurückgreifen konnten. Eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Übersetzung samt
Kommentaren des sogenannten Österreichischen
Bibelübersetzers soll ab 2016 von der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften herausgegeben werden. 1466
druckte Johannes Mentelin
in Straßburg
die Übersetzung der lateinischen Bibel ins Frühneuhochdeutsche,
die Mentelin-Bibel.
Sie wurde die erste gedruckte deutsche
Bibel, zudem war sie die erste in einer
Volkssprache gedruckte Bibel überhaupt. Sie war mehr oder weniger eine
Wort-für-Wort-Übersetzung der Vulgata. Der Text wirkte auch damals altertümlich
und schwer verständlich, die Übersetzer vermieden so jedoch, von der
katholischen Kirche als Häretiker verurteilt zu werden.“ (WIKIPEDIA)
Wussten
Sie diese Tatsachen nicht? Selbst im deutschen Fernsehen wurden diese Tatsachen
berichtet. Warum behaupten Sie, dass Luther die erste deutsche
Bibel-Übersetzung geschaffen habe.
Ad (2)
- Was Sie behaupten ist nichts als die
übliche und unangenehme protestantische Propaganda. Der Humanismus der
Renaissance, deren Literatur und Architektur haben bei einem Mann namens Luther
überhaupt keine Wurzeln geschlagen.
Ad (3)
– Menschen, die nicht über die Bibel nachdenken, sind Ihrer Ansicht nach keine
richtigen Gläubigen. Evangelisten, etc. sind insofern keine richtigen Christen?
Ad (4)
- Nach Ihrem Wort kann somit ein Behinderter oder ein Mensch mit einem niedrigen
Intelligenzquotienten
(IQ) nicht vollumfassend „glauben“.
Worte
dieser Couleur und dieser Denkart habe
ich immer nur von Nationalsozialisten oder Kommunisten gehört. Ich bin über Ihre
Sätze sehr erstaunt.
Ad (5)
- Nach Ihren Worten war Martin Luther mit seinen Schriften, die vor Fanatismus
und Extremismus nur so strotzen, ein Mann, der keinen gebildeten, reflektierten
und im Diskurs bewährten Glauben besitzt.
In
der Prälatur in der Heilbronner
Alexanderstraße ist zu lesen: „…
da ist Freiheit – 500 Jahre Reformation.“
Was
war mit den vielen Frauen, die als Hexen von der protestantischen Obrigkeit
verurteilt und verbrannt wurden (in Württemberg, in ganz Deutschland, in der
Schweiz, in Skandinavien, in Amerika,
auch in Heilbronn, etc.)? Wo blieb die
Freiheit dieser Frauen, wo blieb deren reformatorische FREIHEIT?
Was
war mit den homosexuellen Männern, die von der protestantischen Obrigkeit verfolgt,
verurteilt, verbrannt oder geköpft wurden (bis ins 20. Jahrhundert hinein)? Wo blieb deren reformatorische FREIHEIT?
Was
war mit Menschen, die einen anderen Glauben besaßen – Katholiken, Juden,
Baptisten, Muslimen, etc.? Wo blieb deren reformatorische FREIHEIT?
In
Heilbronn wurden von dem protestantischen Rat der Stadt bis 1830 keine Juden
geduldet (sie konnten nicht in Heilbronn arbeiten und wohnen) – siehe Goethes
Reise in Heilbronn am 27. und 28 August 1797.
Johann
Wolfgang von Goethe in seinem Tagebuch über Heilbronn: „Die Menschen sind
durchaus höflich und zeigen in ihrem Betragen eine gute natürliche stille
bürgerliche Denkart. Es werden keine Juden hier gelitten.“
Ich
nenne das einen todbringenden Antisemitismus der Protestanten in Heilbronn,
angefacht durch die teuflischen Worte Luthers über die Juden, bis weit über das
Jahr 1945 hinaus.
Denn
in anderen Städten Deutschlands (auch katholischen) wurden Juden geduldet.
Sie
- verehrter Herr Prälat - und Ihre protestantischen Mitbrüder und Mitschwestern,
haben sich bis heute für den grausamen protestantischen Heilbronner Antisemitismus
nicht entschuldigt, der über 500 Jahre andauerte.
Das
ist eine protestantisch-widerliche Tradition – eine Tradition, die den
grausamen und pseudo-christlichen Glauben als politische Waffe benutzt hat.
Wurden jene, die sich gegen die protestantische Obrigkeit
auflehnten, nicht gnadenlos Jahrhunderte lang aus deutschen Landen verjagt? Bis
nach Nordamerika oder Südamerika, etc.
Ist das Ihre plakative „reformatorische
FREIHEIT“ – die Sie als Demo-Transparent
(wie einst kommunistische Parteien) in der Alexanderstraße hochhalten?
Ich weiß, zur eigenen Historie hatten Protestanten
immer schon ein höchstgespaltenes Verhältnis - seit mehr als 500 Jahren.
Ihre Prediger und Pfarrer jubelten oftmals auf
der Melodie der politischen Mächtigen – und tanzten auf deren Tischen zur
Freude von Diktaturen.
Protestantische Untertanen waren sehr oft
nichts als unangenehme Opportunisten – bei den Fürsten (ihren Quasi-Bischöfen),
bei den preußischen Kaisern, bei den Nationalsozialisten in der „Deutschen
Kirche“ oder bei den stalinistischen SED-Kommunisten in der „Kirche im
Sozialismus“ – oder heute bei bestimmten links-grünlichen Parteien.
Das ist eine hässliche, anti-demokratische,
aber protestantische Tradition.
Ihre FREIHEIT ist verpackt in Ihrem protestantischen
Ideologie-Karton versteckt - der evangelische Gläubige muss offenbar seine
individuelle Freiheit allein finden … im Gebet mit seinem stummen Gott … nach dem Motto: lutherischer Antisemitismus,
protestantischer Absolutismus, Nazi-Deutsche-Kirche oder Kirche im Sozialismus,
politisch-grünlicher Gouvernanten-Glauben ... sprich theologischer und
inhumaner Opportunismus in 500-jähriger Tradition .
Ich
las neulich in einer klugen Zeitung in Deutschland:
„1517
-Reformation in Deutschland? ... Zu den Fürsten und Dynastien kommt das
aufkommende Finanz- und Handelskapital, die Geldentwertung durch den immensen
Import von Gold und Silber aus den Kolonien und die damit einhergehende
Verarmung des alten Adels, die zu noch größeren Repressalien und Enteignung der
ursprünglichen bäuerlichen Bevölkerung geführt haben, zudem der sich
entwickelnde Gegensatz von Stadt und Land. Das wirklich nicht zu übersehende
Ereignis ist die erste Revolution auf deutschem Gebiet: Der Bauernkrieg,
Figuren wie Jan Hus, Thomas Münzer, etc., die viel mehr riskierten und viel
mehr verloren als Luther ... und das eigentliche Momentum hinter den
Umwälzungen waren die theologischen Sprachrohre der Reformation, die sich von
Rom emanzipierenden Fürsten und Städte.“
Zu
meiner Person: Ich bin getaufter, protestantischer Christ – habe die Luther-Kirche
mit dem 20. Lebensjahr verlassen – lebte dann als „Heide“ - und bin seit Jahren
(nach meine Firmung) römisch-katholischer Christ.
Mit
dem Gott der Juden (Teile von den Juden hatten ja eine schöne Aufklärung) und
der Muslime, der sich als ein rachsüchtiger, bösartiger, Frauen-verachtender,
Schwulen-mordender Wüstengeist aufspielt … mit diesem Wüstengeist habe ich
nichts zu tun - den verabscheue und verachte ich.
Ebenfalls
verachte und verabscheue ich den protestantischen Luther-Gott, den Gott des Kapitals - und der Einsamkeit der
Seelen - und des Absolutismus eines gierigen Ichs. Alles nach dem protestantischen
Mottos: Gott und Ich in der Wüste - von (Krüppel-)Du zu (Krüppel-)Du. Das ist nicht
nur abscheulich, das ist äußerst inhuman.
Logischerweise
bin ich ein Gegner der Ökumene. Meiner Ansicht nach sollten - in einem rechtsstaatlichen
und aufgeklärten Staat – Bürger nach einer Religion ihrer Wahl selig werden.
Nach ihrer Façon.
Ansonsten - der Ton in Ihrem Interview erinnert mich fatal an den
links-intellektuellen US-Demokraten Jason
Brennan, Professor an der Elite-Universität
Georgetown in Washington, und sein neues Buch mit dem deutschen Titel
„Gegen Demokratie. Warum wir die
Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen“. Dieser Buch-Titel
und der Inhalt seines Buches weisen den gleichen missionarischen,
anti-populistischen und undemokratischen Eifer auf wie Ihr Interview.
Deshalb - ich war über Ihr seltsames Reformation-Transparent
und Ihr STIMME-Interview sehr erschrocken, weil ich nie gedacht hätte,
dass ein hoher Geistlicher einer protestantischen Gruppierung (einem Corpus Evangelicorum)
so naiv oder bösartig – und dazu noch arrogant, inhuman und unchristlich argumentieren
kann.
Mit
freundlichen Grüßen
Jürgen
Dieter Ueckert
PS:
Sie
schreiben in Ihrem Interview: „In unseren Kindergärten, wo oft mehr muslimische
Kinder sind als deutsche …“
Sie meinen wahrscheinlich
mit „unsere Kindergärten“ - evangelische
Kindergärten.
Was meinen
Sie mit „…oft mehr muslimische Kinder sind als deutsche…“? Meinen Sie nicht eher:
…oft mehr muslimische Kinder sind als christliche…?
Eine Kopie
meines Briefes an Sie geht an Ihren STIMME-Interviewer Kilian Krauth.