Schwule dürfen heiraten, die Parade des CSD zählt zum
Inventar der Stadtfestivitäten. Doch wie war das früher? Als Schwule verprügelt
und in den Knast geworfen wurden. Claudius Gädeke und Sven Tomschin erzählen
mit ihrem Film über die Schwulenszene auch ein Stück Stuttgarter Stadtgeschichte.
Der Brief kam von der Mutter. Hannes Steinert hatte eben sein „Bekenntnis
abgelegt“, wie man anno 1975 „das Outing nannte“. Er sei schwul, hatte er seine
Mutter wissen lassen. Sie schrieb: „Bei Hitler wären so Leute wie Du vergast
worden!“
Es ist nicht die einzige Szene aus dem Film „Queer Life in the City:
Stuttgart“, bei der man schlucken muss. Kaum mehr vorstellbar erscheint einem
vieles aus heutiger Sicht. Hätte man Steinerts Mutter damals erzählt, dass 2017
ein Bundestagsabgeordneter der CDU und der Chef der CDU-Gemeinderatsfraktion
schwul sind und es keinen schert, wäre sie wohl vom Glauben abgefallen. „Uns
steht die Welt offen“, sagt Claudius Gädeke (38). Klar, auch er wurde schon
„als schwule Sau“ angefeindet, aber da „stehe ich drüber: Ich weigere mich, die
Opferrolle anzunehmen“! Wie sein Kumpel Sven Tomschin (29) geht er mit aufrechtem
Kreuz durchs Leben. Doch worin gründet diese Selbstsicherheit? Wie haben sich
Selbstbewusstsein und Stolz entwickelt? Das wollten sie sich und ihren
Altersgenossen mit ihrem Film zeigen.
Spurensuche in der
eigenen Stadt
Seit einiger Zeit schon erstellen die beiden Stuttgarter als „Sissy that
talk“ Filme für den Videokanal Youtube und fürs soziale Netzwerk. Tunten, die
quatschen, könnte man das übersetzen. Und quatschen tun sie beide gerne, weil
sie auch den gleichen Humor teilen, taten sie sich als Filmemacher zusammen.
Sie geben Serientipps, sinnieren über Madonna, denken aber auch über Trump
nach und berichten über die Ermordung von Schwulen in Tschetschenien. Nun
gingen sie also mit Kameramann Oliver Staubi auf Spurensuche in der eigenen
Stadt, sprachen mit Künstler Hannes Steinert, Aktivist Ralf Bogen und
Schwulenmama Laura Halding-Hoppenheit. Was sie dabei erfuhren, fassen sie so
zusammen: „Zeit des Versteckens, Zeit des Erwachens, die Katastrophe in Form
von Aids und die Sichtbarkeit.“ Das Symbol für die Jahre nach dem Krieg ist das
Hotel Silber. Dort hatte die Gestapo Schwule verprügelt und inhaftiert, dort
schikanierte die bundesdeutsche Polizei und Justiz nach dem Krieg Schwule.
20 000 Männer wurden in der Bundesrepublik im Hotel Silber verhört, 7000 kamen
in den Knast. Man kann die Moral jener Jahre so zusammenfassen: Männer, die
Männer küssten, kamen ins Gefängnis, Männer, die ihre Ehefrauen vergewaltigten,
durften dies von Rechts wegen. 1994 schaffte man den Paragrafen 175 ab, der „Unzucht
zwischen Männern“ unter Strafe stellte. 1997 wurde die Vergewaltigung in der
Ehe strafbar.
Erinnerungen an den
„Ho-Chi-Minh-Pfad“
Steinert erzählt aus jenen Jahren. Von der Not, ja nicht aufzufallen. Wie
er als Lehrling von den Kollegen eingeladen wurde, in den Puff mitzukommen.
„Die zahlten den Fick, ich zitterte vor Angst“, erinnerte er sich, „da
streichelte mir eine Hure mit Namen Rosemarie die Wange, sagte: Jetzt trinkst
du eine Cola, dann gehst du raus und sagst: Es war geil!“ Er erzählt von der
Partnersuche am „Ho-Chi-Minh-Pfad“, jenen Gehölzen im Schlossgarten, oder auf
öffentlichen Toiletten. Verprügelt wurde er, vergewaltigt, ohne dass er sich
zur Polizei getraut hätte. Die war der Feind, kannte bei Razzien kein Pardon.
Auch Halding-Hoppenheit kann sich an das Klima der 70er Jahre erinnern. Mit
ihren Kindern war sie auf dem Spaziergang, da rotzte ihr ein gut situierter
Herr auf den Jeansrock und giftete: „Sie machen unsere Kinder schwul.“ In
Lauras King’s Club, im Boots, im Goldenen Heinrich, in Schwulensaunen fand man
Refugien, blieb unter sich. 1978 outen sich 600 schwule Männer im „Stern“,
Steinert gehört dazu. Man zeigte sich, nannte sich stolz „schwul“. Rosa Funke
und die Weißenburg wurden gegründet als Interessenvertretung, man mischte sich
ein. 1979 veranstalteten einige Unentwegte den
ersten CSD in Stuttgart. Dann schlug Aids zu. „Wir dachten, wir
entfalten unsere Flügel“, sagt Laura Halding-Hoppenheit“, „dann kam der
Weltuntergang.“ Auch Ralf Bogens Partner starb an dem Virus. „Damals gab es
jeden Monat eine Beerdigung“, sagt er. Oft genug wollten die Familien von den
Kranken nichts mehr wissen. Laura erinnert sich an einen Sterbenden, dem die
Mutter sagte: „Bub, was hast du uns angetan!“
Hannes Steinert wart
vor Selbstgefälligkeit
Die Schwulen standen am Pranger. Die Angst ging um, auch in der Szene
zerstritt man sich, zog sich zurück in seiner Trauer. Doch das Leben ging
weiter, man hatte „den Scheißvirus“ überlebt, sagt Bogen, „das Versteckspiel
musste aufhören“. 1985 gründete man die Aids-Hilfe, man informierte, klärte
auf, zeigte sich. Bogen: „Durch Aids wurden wir sichtbar, viele Leute sahen
erstmals, wer alles schwul ist, auch Männer, die sehr männlich sind wie Rock
Hudson und Freddie Mercury.“ Mittlerweile ist eine Infektion kein Todesurteil
mehr. Und heute? „Wir sind viel emanzipierter“, sagt Bogen, „es gibt kaum noch
Räume, wo wir uns separieren.“ Heutzutage scheint es so zu sein, dass man die
Schwulenszene als Lackmustest benutzt: Wie hältst du es mit den Schwulen, dann
sagen wir dir, wie modern deine Gesellschaft ist. „Maskottchen wollen wir nicht
sein“, sagt Gädeke. Zumal man bei der „Demo für alle“ Schilder sah, auf denen
stand: „Homosexualität ist Sünde“ oder „Schützt Schulen vor pädophilen
Homo-Lehrern“. Steinert warnt, vor lauter Selbstbewusstsein zu selbstgefällig zu
werden: „Die Gesellschaft wandelt sich ständig, und alles was erreicht worden
ist, kann schnell wieder aufs Spiel gesetzt werden.“ Laura Halding-Hoppenheit
ergänzt: „Kämpf, sei politisch!“ Wenn man den Zustand der Welt betrachtet, ist
dies ein guter Tipp für alle: gleichgültig, ob man Männlein oder Weiblein
liebt.
(Von Frank Rothfuss, Stuttgarter Zeitung)