Donnerstag, 20. April 2017

20.04.2017 - Prälat



Harald Stumpf
Prälat - Evangelische Prälatur
Alexanderstraße 70
74074 Heilbronn

16. April 2017
Betrifft: Ihr STIMME-Interview, 15. 04.2017
Sehr geehrter Herr Prälat Stumpf,
Sie haben der Heilbronner Stimme in Ihrem Oster-Interview  (Samstag, 15. April 2017, Seite 28) gesagt:
„Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, weil er wollte, dass sie alle Christen selbst lesen, ihr eigenes Bild machen können und den Glauben reflektieren. (1)
Glaube heißt nämlich nicht, man bekommt von Oben vorgesetzt, was man gefälligst zu glauben hätte, ohne „Wenn und Aber“. (2)
Glaube will nachgefragt, reflektiert, in Frage gestellt werden.(3)
Glaube will gebildet werden, akademisch, wissenschaftlich und als gelebte, geistliche Lebenspraxis – ganzheitlich. (4)
Gebildeter, reflektierter und im Diskurs bewährter Glaube schützt vor Fanatismus und Extremismus.“ (5)
Ich nehme zu Ihren Gunsten einmal an, Sie haben Ihre gesprochenen Worte nicht gegengelesen – und Sie haben nicht korrigierend das Interview überarbeitet. Oder etwa doch?
Das gesprochene Wort wird im Normalfall abgeschrieben und vom Interviewten gegengelesen – und danach freigegeben.  Das ist bei seriösen Tageszeitungen üblich.
Egal wie … Sie haben Ihr Interview gegeben und freigegeben, das in der Zeitung „Heilbronner Stimme“ erschienen ist. Das ist die reale Wahrheit.
Ad (1) - Sie behaupten darin, Luther habe die Bibel ins Deutsche übersetzt.  Aber Sie müssten als Theologe jedoch wissen: „Erste komplette deutsche Übersetzungen des Neuen und des Alten Testaments entstanden im 14. Jahrhundert. Die älteste überlieferte Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche ist eine Augsburger Pergamenthandschrift von 1350. Mit der in Prag entstandenen so genannten Wenzelsbibel gab es Ende des 14. Jahrhunderts auch eine handschriftliche Übersetzung des Alten Testaments, allerdings ohne die Kleinen Propheten. Im 14. und 15. Jahrhundert entstanden auch außerhalb der Klöster eine Vielzahl z. T. hochwertiger mittelhochdeutscher Übersetzungen, auf die Martin Luther und andere zurückgreifen konnten. Eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Übersetzung samt Kommentaren des sogenannten Österreichischen Bibelübersetzers soll ab 2016 von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben werden. 1466 druckte Johannes Mentelin in Straßburg die Übersetzung der lateinischen Bibel ins Frühneuhochdeutsche, die Mentelin-Bibel. Sie wurde die erste gedruckte deutsche Bibel, zudem war sie die erste in einer Volkssprache gedruckte Bibel überhaupt. Sie war mehr oder weniger eine Wort-für-Wort-Übersetzung der Vulgata. Der Text wirkte auch damals altertümlich und schwer verständlich, die Übersetzer vermieden so jedoch, von der katholischen Kirche als Häretiker verurteilt zu werden.“ (WIKIPEDIA)
Wussten Sie diese Tatsachen nicht? Selbst im deutschen Fernsehen wurden diese Tatsachen berichtet. Warum behaupten Sie, dass Luther die erste deutsche Bibel-Übersetzung geschaffen habe.
Ad (2) - Was Sie behaupten  ist nichts als die übliche und unangenehme protestantische Propaganda. Der Humanismus der Renaissance, deren Literatur und Architektur haben bei einem Mann namens Luther überhaupt keine Wurzeln geschlagen. 
Ad (3) – Menschen, die nicht über die Bibel nachdenken, sind Ihrer Ansicht nach keine richtigen Gläubigen. Evangelisten, etc. sind insofern keine richtigen Christen?
Ad (4) - Nach Ihrem Wort kann somit ein Behinderter oder ein Mensch mit einem niedrigen Intelligenzquotienten (IQ)  nicht vollumfassend „glauben“.
Worte dieser Couleur und dieser Denkart  habe ich immer nur von Nationalsozialisten oder Kommunisten gehört. Ich bin über Ihre Sätze sehr erstaunt.
Ad (5) - Nach Ihren Worten war Martin Luther mit seinen Schriften, die vor Fanatismus und Extremismus nur so strotzen, ein Mann, der keinen gebildeten, reflektierten und im Diskurs bewährten Glauben besitzt.
In der Prälatur in der Heilbronner  Alexanderstraße ist zu lesen: „… da ist Freiheit – 500 Jahre Reformation.“
Was war mit den vielen Frauen, die als Hexen von der protestantischen Obrigkeit verurteilt und verbrannt wurden (in Württemberg, in ganz Deutschland, in der Schweiz,  in Skandinavien, in Amerika, auch in Heilbronn,  etc.)? Wo blieb die Freiheit dieser Frauen, wo blieb deren reformatorische FREIHEIT?
Was war mit den homosexuellen Männern, die von der protestantischen Obrigkeit verfolgt, verurteilt, verbrannt oder geköpft wurden (bis ins 20. Jahrhundert hinein)?  Wo blieb deren reformatorische FREIHEIT?
Was war mit Menschen, die einen anderen Glauben besaßen – Katholiken, Juden, Baptisten, Muslimen, etc.? Wo blieb deren reformatorische FREIHEIT?
In Heilbronn wurden von dem protestantischen Rat der Stadt bis 1830 keine Juden geduldet (sie konnten nicht in Heilbronn arbeiten und wohnen) – siehe Goethes Reise in Heilbronn  am 27.  und 28 August 1797.
Johann Wolfgang von Goethe in seinem Tagebuch über Heilbronn: „Die Menschen sind durchaus höflich und zeigen in ihrem Betragen eine gute natürliche stille bürgerliche Denkart. Es werden keine Juden hier gelitten.“
Ich nenne das einen todbringenden Antisemitismus der Protestanten in Heilbronn, angefacht durch die teuflischen Worte Luthers über die Juden, bis weit über das Jahr 1945 hinaus.
Denn in anderen Städten Deutschlands (auch katholischen) wurden Juden geduldet.
Sie - verehrter Herr Prälat - und Ihre protestantischen Mitbrüder und Mitschwestern, haben sich bis heute für den grausamen protestantischen Heilbronner Antisemitismus nicht entschuldigt, der über 500 Jahre andauerte.
Das ist eine protestantisch-widerliche Tradition – eine Tradition, die den grausamen und pseudo-christlichen Glauben als politische Waffe benutzt hat.
Wurden jene, die sich gegen die protestantische Obrigkeit auflehnten, nicht gnadenlos Jahrhunderte lang aus deutschen Landen verjagt? Bis nach Nordamerika oder Südamerika, etc.
Ist das Ihre plakative „reformatorische FREIHEIT“ – die Sie als Demo-Transparent  (wie einst kommunistische Parteien) in der Alexanderstraße hochhalten?
 
Ich weiß, zur eigenen Historie hatten Protestanten immer schon ein höchstgespaltenes Verhältnis - seit mehr als 500 Jahren.
Ihre Prediger und Pfarrer jubelten oftmals auf der Melodie der politischen Mächtigen – und tanzten auf deren Tischen zur Freude von Diktaturen.
Protestantische Untertanen waren sehr oft nichts als unangenehme Opportunisten – bei den Fürsten (ihren Quasi-Bischöfen), bei den preußischen Kaisern, bei den Nationalsozialisten in der „Deutschen Kirche“ oder bei den stalinistischen SED-Kommunisten in der „Kirche im Sozialismus“ – oder heute bei bestimmten links-grünlichen Parteien.
Das ist eine hässliche, anti-demokratische, aber protestantische Tradition.
 
Ihre FREIHEIT ist verpackt in Ihrem protestantischen Ideologie-Karton versteckt - der evangelische Gläubige muss offenbar seine individuelle Freiheit allein finden … im Gebet mit seinem stummen Gott …  nach dem Motto: lutherischer Antisemitismus, protestantischer Absolutismus, Nazi-Deutsche-Kirche oder Kirche im Sozialismus, politisch-grünlicher Gouvernanten-Glauben ... sprich theologischer und inhumaner Opportunismus in 500-jähriger Tradition .
Ich las neulich in einer klugen Zeitung in Deutschland:
„1517 -Reformation in Deutschland? ... Zu den Fürsten und Dynastien kommt das aufkommende Finanz- und Handelskapital, die Geldentwertung durch den immensen Import von Gold und Silber aus den Kolonien und die damit einhergehende Verarmung des alten Adels, die zu noch größeren Repressalien und Enteignung der ursprünglichen bäuerlichen Bevölkerung geführt haben, zudem der sich entwickelnde Gegensatz von Stadt und Land. Das wirklich nicht zu übersehende Ereignis ist die erste Revolution auf deutschem Gebiet: Der Bauernkrieg, Figuren wie Jan Hus, Thomas Münzer, etc., die viel mehr riskierten und viel mehr verloren als Luther ... und das eigentliche Momentum hinter den Umwälzungen waren die theologischen Sprachrohre der Reformation, die sich von Rom emanzipierenden Fürsten und Städte.“
Zu meiner Person: Ich bin getaufter, protestantischer Christ – habe die Luther-Kirche mit dem 20. Lebensjahr verlassen – lebte dann als „Heide“ - und bin seit Jahren (nach meine Firmung)  römisch-katholischer Christ.

Mit dem Gott der Juden (Teile von den Juden hatten ja eine schöne Aufklärung) und der Muslime, der sich als ein rachsüchtiger, bösartiger, Frauen-verachtender, Schwulen-mordender Wüstengeist aufspielt … mit diesem Wüstengeist habe ich nichts zu tun - den verabscheue und verachte ich.

Ebenfalls verachte und verabscheue ich den protestantischen Luther-Gott,  den Gott des Kapitals - und der Einsamkeit der Seelen - und des Absolutismus eines gierigen Ichs. Alles nach dem protestantischen Mottos: Gott und Ich in der Wüste - von (Krüppel-)Du zu (Krüppel-)Du. Das ist nicht nur abscheulich, das ist äußerst inhuman.
Logischerweise bin ich ein Gegner der Ökumene. Meiner Ansicht nach sollten - in einem rechtsstaatlichen und aufgeklärten Staat – Bürger nach einer Religion ihrer Wahl selig werden. Nach ihrer Façon.

Ansonsten - der Ton in Ihrem Interview erinnert mich fatal an den links-intellektuellen US-Demokraten Jason Brennan, Professor an der Elite-Universität Georgetown in Washington, und sein neues Buch mit dem deutschen Titel „Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen“. Dieser Buch-Titel und der Inhalt seines Buches weisen den gleichen missionarischen, anti-populistischen und undemokratischen Eifer auf wie Ihr Interview.

Deshalb - ich war über Ihr seltsames Reformation-Transparent und Ihr STIMME-Interview sehr erschrocken,  weil ich nie gedacht hätte, dass ein hoher Geistlicher einer protestantischen Gruppierung (einem  Corpus Evangelicorum) so naiv oder bösartig – und dazu noch arrogant, inhuman und unchristlich argumentieren kann.

Mit freundlichen Grüßen


Jürgen Dieter Ueckert

PS:  
Sie schreiben in Ihrem Interview: „In unseren Kindergärten, wo oft mehr muslimische Kinder sind als deutsche …“
Sie meinen wahrscheinlich mit „unsere Kindergärten“  - evangelische Kindergärten.
Was meinen Sie mit „…oft mehr muslimische Kinder sind als deutsche…“? Meinen Sie nicht eher: …oft mehr muslimische Kinder sind als christliche…?
Eine Kopie meines Briefes an Sie geht an Ihren STIMME-Interviewer Kilian  Krauth.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen