Mittwoch, 12. April 2017

12.04.2017 - Demagoge

Für den Krieg in Syrien gibt es drei mögliche Lösungen. Entweder gewinnt eine der Konfliktparteien den Krieg, oder diese verständigen sich auf einen Verhandlungsfrieden. Keine Lösung ist das, was wir zur Zeit erleben: Alle relevanten Akteure sind sich nur noch darin einig , lediglich den Sieg der feindlichen Konfliktpartei zu verhindern. Der Bürgerkrieg wird damit zu einem endlosen Gemetzel, ohne jede Aussicht auf ein absehbares Ende. Zu jedem Krieg gehört bekanntlich die Kriegspropaganda. Sie verfolgt den Zweck, dem Feind die Schuld und moralische Verantwortung für solche Katastrophen nachzuweisen. Sich selbst billigt man die lautersten Absichten und Motive zu, wogegen dem Feind buchstäblich alles zuzutrauen ist. (...)
 

Über solche außenpolitische Finessen muss sich BILD-Julian-Reichelt als „Chefredakteur aller Bild-Chefredakteure“ keine Gedanken machen. Gestern Abend erlebten wir dafür die Folgen einer solchen Kriegspropaganda. Diese hält den leisesten Zweifel an der eigenen Sichtweise schon für Verrat. (…)
So ist BILD-Reichelts Diktion von der Methode eines Revolver-Journalismus geprägt, der Emotionen hochpeitscht, und in erster Linie nach Feinden sucht. Die findet Reichelt in Damaskus und Moskau. Dabei formuliert er mit dem Anschein kompromissloser Härte. (...)
 

So agierte Reichelt nicht als Journalist, sondern als Propagandist einer Kriegspartei. Diese ist aber leider weitgehend virtuell, selbst wenn sie sogar „das Gute“ gegen „das Böse“ verkörpern soll. Ansonsten müsste Reichelt zusammen mit Erdogans Türkei, den wahabitischen Saudis und den fundamentalistischen Kataris einen Feldzug zum Sturz Assads beginnen. Oder will er etwa gemeinsam mit den sunnitischen Dschihadisten Damaskus erobern? Aber mit solchen Schwierigkeiten westlicher Diplomatie, keinen überzeugenden Verbündeten in Syrien zu haben, muss sich Reichelt nicht beschäftigen. In seinem Feldzug sind Zweifel nicht erlaubt. (...)
 

Die „Bild“ musste unter ihrem langjährigen Chefredakteur Kai Diekmann zuletzt einen rapiden politischen Bedeutungsverlust verkraften. Reichelt soll das offensichtlich wieder ändern. Mit dem Mittel der Zuspitzung und dem Ziel der politischen Provokation. Er bringt dafür alles mit, was die „Bild“ jetzt scheinbar braucht: Die Selbstgefälligkeit des Ignoranten und die Kaltschnäuzigkeit des Demagogen. Syrien wird damit so wenig geholfen, wie einer substantiellen außenpolitischen Debatte in Deutschland. Ob es der „Bild“ hilft, müssen die Leser entscheiden. Diese haben angeblich „die Schnauze voll“, wie gestern Morgen in den gewohnt großen Lettern auf der Titelseite zu lesen war. Der Grund waren die Nöte von Pendlern. Man könnte aber natürlich auch von dieser Form des Journalismus „die Schnauze voll haben. (siehe FAZ)

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