"... Ich bekomme schon mit, dass draußen, im Norden, in den großen Städten, die
Rotationsmaschinen rattern und die Server brummen, weil es die Zeit ist, in der
man soziale Ungleichheit beklagt: Immobilien werden teurer und für meine
Kollegen weniger erschwinglich. Jeff Bezos wird reicher, weil meine Kollegen
bei Amazon bestellen und nicht beim Buchhandel kaufen. Ulf Poschardt muss
vorgeführt werden, weil er die wohlfeile Moral der mit der Migrationskrise
reich gewordenen, staatsnahen Religionspfründe-Inhaber mit ihren Zwangsabgaben,
Konkordaten.
Milliardenvermögen und teuer verkaufter Macht der Sessel in den
Medienaufsichtsbehörden ein wenig billig findet. Vom Norden, wo die
Lichtverschmutzung am Horizont eine ewige Dämmerung erzeugt, kommen die
Störgeräusche mit dem Internet, aber es ist wirklich die letzte Quelle des
Lärms, und man kann sie hier ganz einfach abschalten. Einer wie ich hat in der
Welt der anderen eigentlich keine Existenzberechtigung, warum sollte ich ihnen
bei mir eine Lärmberechtigung geben?
Ich lächle lieber, weil mein Buch nicht aus dem Spanischen, sondern aus dem
Katalanischen übersetzt ist, in der Sprache der Spalter und Aufrührer, die sich
nicht mit einem scheinsolidarischen Schicksal mit Spanien abfinden wollen.
Viele werden das nicht gerne hören, aber ausnahmsweise sage ich es in die Nacht
hinein: Die Solidarität, die so viele so hoch leben lassen, muss immer aufs
Neue bewiesen werden, sie steht nie für sich, sie ist ein unabsehbar teures
Versprechen auf Ewigkeit, dessen Bruch einem auch ewig angekreidet wird.
Denn, wie manche so moralisch schön sagen, es gibt bei ihnen keine
Obergrenze für Menschlichkeit. Meines Erachtens ist es ein wenig anders,
Menschlichkeit bedeutet nun mal, dass sie menschlich ist, und alles Menschliche
hat seine Grenzen: Wenn mir dieses begrenzt Menschliche ohnehin angekreidet
wird, weil ich irgendwann nicht mehr kann und mir ein Video mit einer
zusammengeschlagenen Rentnerin, die auch meine Verwandte sein könnte, zu nahe
geht, wenn ich nicht finde, dass ich mir zu Weihnachten etwas von einem Pfarrer
oder einem Erziehungsjournalisten anzuhören habe: Dann fahre ich vermutlich
besser, wenn ich von Anfang an betone, dass meine menschlichen Privilegien
zuerst einmal keine Obergrenze haben sollten. Mit der Kuchengabel aus Silber
fängt es an, mit der Meinungsfreiheit, oder hier eben, Schweigefreiheit und
Anhörfreiheit, hört es auf. ..."
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