Heilige Einfalt
Wer noch nicht abgefallen ist, der mag jetzt
versucht sein, es zu tun: nicht vom Glauben, aber von dem an die
Weisheit seines höchsten Repräsentanten. Der Papst möchte das Vaterunser
neu übersetzen lassen. Denn die Bitte „Und führe uns nicht in
Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ gefällt ihm nicht. Gott,
hat er gerade mitgeteilt, führe nicht in Versuchung, das tue nur der
Satan. Also sei es richtiger, Gott zu bitten: „Lass mich nicht in
Versuchung geraten“. Sancta simplicitas,
halten zu Gnaden. Was wäre denn der Unterschied zwischen „in Versuchung
führen“ und „nicht in Versuchung geraten lassen“?
Jemand wandelt
seiner irdischen Wege, und am Horizont steht eine Versuchung. Wer hat
sie denn dahin gestellt? Also gut, der Satan. Und Gott führt den
Menschen jetzt nicht dahin, sondern lässt es eben zu, dass er sich
begehrlichen oder schwachen Herzens auf die Versuchung zubewegt. Einmal
handelt Gott durch Handeln – „Bitte schön, da geht es lang“ -, das
andere Mal durch Unterlassen, er sagt einfach nichts dazu. Das eine Mal
wird Gott zugetraut, uns durch die Möglichkeit zum Bösen zu prüfen, das
andere Mal wird an ihn appelliert, er möge Warnschilder aufstellen: Das
Betreten dieser Privatstraße kostet eine Todsünde. Oder unser
moralisches GPS ein bisschen stören, so dass wir an der Versuchung gar
nicht vorbeikommen. Oder gar: das Böse entfernen, noch bevor wir in
seine Nähe geraten. (FAZ)
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