F.A.S. - FEUILLETON
Moralische Geschichten
JERUSALEM
Von Maxim Biller
Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump erklärt hatte, er werde
die US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Madagaskar verlegen, brach in der
muslimischen Welt und in der SPD Jubel aus.
Als Erster – und zwar genau zehn Minuten und 33 Sekunden vor dem türkischen
Staatschef Erdogan – stellte sich der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel in
seiner Lieblingsdiätklinik in Goslar mit einem angebissenen Cheeseburger vor
die Kameras der Weltpresse und sagte: „Super Idee! Das hätte ich einem Ami aber
nicht zugetraut! Wenn der dumme Trump jetzt auch noch dafür sorgt, dass mit der
US-Botschaft alle Israelis nach Madagaskar umziehen, ist das Nahostproblem für
immer gelöst. Und mein bescheuerter Nazi-Vater gibt dann auch endlich Ruhe in
seinem Grab.“
Im Vergleich zu Sigmar Gabriel klang Recep Tayyip Erdogan fast schon
versöhnlich. Er bot während seiner mit Spannung erwarteten Rede beim 1.
Frauenbeschneidungskongress in Ankara der israelischen Regierung zuerst seine
Hilfe bei der Deportation aller Israelis nach Afrika an. „Wir hätten da noch
ein paar seeuntüchtige Schiffe aus unserer Gaza-Flotte übrig, al-hamdullilah“,
sagte er mit dem gleichen charmanten Lächeln, mit dem er neulich der Bundeskanzlerin
angeboten hatte, den „Welt“-Journalisten Deniz Yücel freizulassen, wenn sie ihm
dafür alle in Deutschland lebenden Gülen-Anhänger sowie seinen schwulen Cousin
Ahmed aus Kreuzberg ausliefern würde.
Dann fragte er, ob jemand im Saal sei, der wisse, wie zurzeit die Wohnungspreise in Jerusalem sind und ob es sich lohnt, dort vor der Zerstörung Israels etwas zu kaufen oder lieber erst hinterher. Und dann sagte er: „Und jetzt wieder zu Ihnen, meine Damen. Im Ernst: Wofür brauchen Sie eine Klitoris, wenn Sie schon ein Kopftuch haben, oder?“
Dann fragte er, ob jemand im Saal sei, der wisse, wie zurzeit die Wohnungspreise in Jerusalem sind und ob es sich lohnt, dort vor der Zerstörung Israels etwas zu kaufen oder lieber erst hinterher. Und dann sagte er: „Und jetzt wieder zu Ihnen, meine Damen. Im Ernst: Wofür brauchen Sie eine Klitoris, wenn Sie schon ein Kopftuch haben, oder?“
Aber nicht nur leidenschaftliche Israelkritiker wie Erdogan oder Gabriel
lobten Donald Trumps Madagaskar-Vorstoß. Auch so vernünftige Leute wie der
Franzose Emmanuel Macron, der jordanische König Abdullah und Anke Gabriel, die
Ehefrau von Sigmar Gabriel, waren glücklich darüber, dass der von ihnen sonst
so belächelte Trump es geschafft hatte, auf seine unkonventionelle Art eines
der größten weltpolitischen Probleme zu lösen, statt, wie die meisten
Kommentatoren vorhergesagt hatten, die Sache noch schlimmer zu machen.
Oder wie Klaus Brinkbäumer, der „Spiegel“- Chefredakteur, in seinem 57. Trump-Leitartikel schrieb: „Man will sich lieber gar nicht erst vorstellen, was passiert wäre, wenn die Amerikaner Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und mit ihrer Botschaft an die komische Klagemauer gezogen wären. Erst wäre der Nahe Osten explodiert. Dann würden wir noch mehr muslimische Flüchtlinge kriegen. Und dann müsste ich armes Schwein schon wieder so tun, als ob ich das total super finde!“
Oder wie Klaus Brinkbäumer, der „Spiegel“- Chefredakteur, in seinem 57. Trump-Leitartikel schrieb: „Man will sich lieber gar nicht erst vorstellen, was passiert wäre, wenn die Amerikaner Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und mit ihrer Botschaft an die komische Klagemauer gezogen wären. Erst wäre der Nahe Osten explodiert. Dann würden wir noch mehr muslimische Flüchtlinge kriegen. Und dann müsste ich armes Schwein schon wieder so tun, als ob ich das total super finde!“
Bei den Kohns zu Hause war Donald Trumps Entscheidung, mit der Botschaft
doch nicht nach Jerusalem zu gehen, sondern ins ferne, exotische Madagaskar,
womit ja tatsächlich das Ende Israels besiegelt wäre, dagegen sehr umstritten.
Na ja, so umstritten auch wieder nicht. Eigentlich war nur Kohns Mutter
Balalaika für die Trump-Idee, weil sie keine Lust mehr hatte, auch nächsten
Sommer wieder, wie seit fast fünfzig Jahren, die Ferien in Israel zu
verbringen, unter diesen „unhöflichen, lauten, geizigen Sabres“, wie sie sagte,
und außerdem hatte sie schon sehr viel über die leeren, weißen Strände von
Madagaskar gehört. Kohns alter und schon ziemlich vergesslicher Vater Herschel
schimpfte dafür umso wütender auf den senilen Idioten Trump, der bei der
Pressekonferenz bestimmt nur irgendwelche Papiere verwechselt hätte.
Scharon der Hund sagte: „Wenn sie das machen, dann gibt es wirklich eine Explosion, dann gibt es einen Krieg, gegen den eine kleine Anti-Jerusalem-Intifada oder ein palästinensischer Generalstreik ein Kinderspiel wären. Dann entsichern unsere Jungs von der Zahal das erste Mal seit dem verschobenen European Songcontest von 2006 wieder ihre Atomsprengköpfe!“ Und Kohn selbst dachte traurig, dass er nun nicht mehr vor seinen Kritikern und ewigen Depressionen aus Deutschland nach Israel fliehen könnte, so wie er es seit dem Misserfolg seiner letzten acht Romane jedes Mal wieder neu plante, denn in Afrika zu leben wäre am Ende sogar noch schlimmer, als ein in Deutschland verkanntes Genie zu sein.
„Papa“, sagte Kohns sechsjährige Tochter Rosa zu Kohn, während er gerade
mal wieder seinen herrlichen, wehmütigen Gedanken von der endgültig verpassten
Alijah nachhing, „hatten nicht auch schon die Nazis den Plan gehabt, uns alle
nach Madagaskar umzusiedeln?“Scharon der Hund sagte: „Wenn sie das machen, dann gibt es wirklich eine Explosion, dann gibt es einen Krieg, gegen den eine kleine Anti-Jerusalem-Intifada oder ein palästinensischer Generalstreik ein Kinderspiel wären. Dann entsichern unsere Jungs von der Zahal das erste Mal seit dem verschobenen European Songcontest von 2006 wieder ihre Atomsprengköpfe!“ Und Kohn selbst dachte traurig, dass er nun nicht mehr vor seinen Kritikern und ewigen Depressionen aus Deutschland nach Israel fliehen könnte, so wie er es seit dem Misserfolg seiner letzten acht Romane jedes Mal wieder neu plante, denn in Afrika zu leben wäre am Ende sogar noch schlimmer, als ein in Deutschland verkanntes Genie zu sein.
„Ja, das stimmt, Rosale“, sagte Kohn überrascht, „ja, du hast recht.“
„Und was ist ihnen dazwischengekommen, Papa? Weißt du das noch?“
„Der Krieg“, sagte Kohn. „Das meinst du doch, oder?“
„Ja, genau“, sagte Rosa. „Aber auch unser jüdischer Starrsinn. Oder glaubst
du, dass wir selbst jemals nach Madagaskar wollten? Und den miesen Uganda-Plan
der Briten von 1903 hat schon Theodor Herzl persönlich abgelehnt.“
Kohn sah seine Tochter immer noch ziemlich verständnislos an. „Und was
willst du mir damit sagen, Rosale?“, sagte er schließlich.
„Dass du nicht traurig sein sollst, Papa. Und dass du keine Angst haben
musst vor deinen nächsten Verrissen. Denn ab jetzt bleiben die Juden für immer
dort, wo sie sind. In Israel – und in Jerusalem. Noch eine Diaspora wird es
nicht mehr geben, das schwöre ich dir.“
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