Großes Kino aus
England
Zäune bauen, Liebe
finden
Das stille Drama "God's Own Country" erzählt
vom harten Leben in der englischen Provinz und von der Liebe zweier Männer. Mit
"Brokeback Mountain" hat der Film trotz des ähnlichen Sujets wenig zu
tun.
Von Oliver Kaever
Das Leben ist hart in den nordenglischen Pennine Hills von Yorkshire. Wer
den kargen Äckern etwas abtrotzen will, die sich hier an archaisch anmutende
Felshügel krallen, braucht dafür seine ganze Kraft. Steine schleppen, Zäune
bauen, Lämmern und Kälbern auf die Welt helfen - harte körperliche Arbeit
bestimmt den Tagesrhythmus. Da kann abends schon mal die Kraft für ein
vernünftiges Gespräch fehlen, schon gar über etwas hier so zweitrangiges wie
Gefühle.
Jungbauer Johnny (Josh O'Connor), Mitte 20, hat sich dieses Leben nicht
ausgesucht. Er lebt es einfach. Wie sein Vater vor ihm. Abends wechseln die
beiden noch ein paar knorrige Sätze darüber, wann die Kuh wohl kalbt und dass
der kaputte Steinzaun geflickt werden muss. Dann fährt Johnny in den nächsten
Pub und säuft sich besinnungslos.
Ausgerechnet in diese harsche Welt verlegt der englische Filmemacher
Francis Lee für sein Langfilmdebüt eine schwule Liebesgeschichte. Und forderte
bei der Premiere von "God's Own Country" beim Sundance Filmfestival
Anfang des Jahres wenig überraschend Vergleiche mit Ang Lees "Brokeback
Mountain" heraus, dem Oscar-prämierten Drama um zwei schwule
Cowboys - zumal beide Filmemacher auch noch den Nachnamen teilen.
Die Parallelen mögen sich aufdrängen, hören aber eigentlich bei der
sexuellen Orientierung der Hauptfiguren schon wieder auf. Und wenn man doch
unbedingt vergleichen muss: In einem direkten Duell ginge "God's Own Country"
als klarer Sieger vom Platz. Was vor allem daran liegt, dass Francis Lee für
seine Geschichte nicht wie Namensvetter Ang den Ton des überlebensgroßen Dramas
wählt und sie damit ins Ungefähre rückt, sondern ganz aus dem Alltag seiner
Hauptfiguren entwickelt.
Johnnys love interest ist der rumänische Wanderarbeiter Gheorghe
(Alec Secareanu), und die beiden haben sich zunächst nichts zu sagen.
"Zigeuner" nennt Johnny ihn, bis Gheorghe mit den Fäusten klarstellt,
wer hier der Stärkere der beiden ist.
Der Vater kann nach einem Schlaganfall kaum noch laufen, also lastet die
gesamte Verantwortung auf Johnnys Schultern. Bei der gemeinsamen Schufterei
lernen der Hilfsarbeiter und der Jungbauer sich kennen, Gesten und Blicke
ersetzen Sprache, und irgendwann wälzen die beiden sich im Schlamm. Sex ist
einfacher als viele Worte.
Regisseur Francis Lee kennt das Leben auf einer Farm in diesem Landstrich,
er wuchs selbst hier auf; der Bauernhof seiner Eltern liegt nur zehn Minuten
vom Drehort entfernt. Lee bleibt immer ganz nah dran an seinen Helden,
beobachtet jeden Handgriff. Die Handkamera geht auf Tuchfühlung, schenkt nur
selten einen Blick auf nebelverhangene Landschaft.
Keine Musik lenkt vom Geschehen ab. Stattdessen kommt ein ausgeklügeltes
Sound-Design zum Einsatz, das aus Vogelgezwitscher, röhrenden Traktoren und
heulendem Wind auch abseits des Bildraums ein Leben inmitten unnachgiebiger
Natur modelliert.
Aus diesem reduzierten filmischen Konzept entwickelt sich ganz langsam eine
Liebesgeschichte. Johnny löst sich allmählich aus seiner emotionalen
Erstarrung, weil Gheorghe ihn dazu zwingt. Einmal steht der auf einer
Felskuppe, blickt über das Land und sagt: "Schön hier". Und Johnny
blickt sich um, als sei er eben aus einem langen Schlaf erwacht und sehe die
Schönheit seiner Heimat zum ersten Mal.
Mit Zärtlichkeit kann Johnny zunächst gar nicht umgehen, aber dann ist es
zu spät. Liebe kommt ins Spiel, und er muss sich entscheiden, was er will.
Zumal auch noch Johnnys Vater mit einem zweiten Schlaganfall ins Krankenhaus
eingeliefert wird.
Francis Lee hat über seinen Film gesagt, er wolle eine erste große Liebe
unter schwierigen Umständen zeigen. Ob es dabei um eine schwule, lesbische oder
heterosexuelle Liebe gehe, sei zweitrangig. Tatsächlich stehen andere Themen im
Vordergrund: "God's Own Country" ist ein klassisches
Entwicklungsdrama, es zeigt die schwierige Orientierungsphase eines jungen
Mannes im Gestrüpp von familiärer Verpflichtung, heimatlicher Verbundenheit und
eigenem Wollen. Aber gerade, weil Lee die schwule Liebesgeschichte als etwas so
Selbstverständliches behandelt, entwickelt sie soziale Sprengkraft.
Schließlich denkt der Zuschauer die Ressentiments mit, die im ländlichen
Raum noch immer herrschen, weit abseits der Freiheiten und ausdifferenzierten
Lebenswelten der Großstädte. Trotzdem interessiert sich Lee herzlich wenig für
etwaige ablehnende Reaktionen der Außenwelt, sondern allein für den Weg seiner
Protagonisten.
Im Kern erzählt "God's Own Country" ja auch von der Kraft einer
großen Liebe. Wie sie den Liebenden die Welt mit den Augen eines anderen sehen
lässt. Und wie er sich durch diesen Blick selbst finden kann.
"God's Own Country"
Großbritannien 2017
Buch und Regie: Francis Lee
Darsteller: Josh O'Connor, Gemma Jones, Harry Lister Smith, Ian Hart, Alec Secareanu
Verleih: Salzgeber & Company Medien
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 104 Minuten
Start: 26. Oktober 2017
DER SPIEGEL
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