Wo es Unsterblichkeit gibt, ja
wo nur der Glaube an sie vorhanden ist, da sind auch Punkte anzunehmen,
an denen der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht
oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden kann. Der Wald
ist Heiligtum.
Die Panik, die man heute weithin beobachtet, ist
bereits der Ausdruck eines angezehrten Geistes, eines passiven
Nihilismus, der den aktiven herausfordert. Der freilich ist am
leichtesten einzuschüchtern, der glaubt,
daß, wenn man seine flüchtige Erscheinung auslöscht, alles zu Ende sei.
Das wissen die neuen Sklavenhalter, und darauf gründet sich die
Bedeutung der materialistischen Lehren für sie.
Sie dienen im Aufstand
zur Erschütterung der Ordnung und sollen nach errungener Herrschaft den
Schrecken verewigen. Es soll keine Bastionen mehr geben, auf denen der
Mensch sich unangreifbar und damit furchtlos fühlt.
Demgegenüber ist
es wichtig, zu wissen, daß jeder Mensch unsterblich und daß ein ewiges
Leben in ihm ist, unerforschtes und doch bewohntes Land, das er selbst
leugnen mag, doch das keine zeitliche Macht ihm rauben kann.
Der
Zugang bei vielen, ja bei den meisten mag einem Brunnen gleichen, in
welchen seit Jahrhunderten Trümmer und Schutt geworfen sind.
Räumt man
sie fort, so findet man am Grunde nicht nur die Quelle, sondern auch die
alten Bilder vor. Der Reichtum des Menschen ist unendlich größer, als
er ahnt. Es ist ein Reichtum, den niemand rauben kann und der im Lauf
der Zeiten auch immer wieder sichtbar anflutet, vor allem, wenn der
Schmerz die Tiefen aufgegraben hat.
Das ist es, was der Mensch
wissen will. Hier liegt das Zentrum seiner zeitlichen Unruhe. Das ist
die Ursache seines Durstes, der in der Wüste wächst — und diese Wüste
ist die Zeit.
Ernst Jünger: Der Waldgang
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen