Dienstag, 18. Juli 2017

17.07.2017 - Wahrlich

Deutschland tolerant? Nee, wahrlich nicht.
In Deutschland fühlt sich der Großteil der Intellektuellen hingegen einer Art kollektiven Bewusstseinshygiene verpflichtet. Der Schriftsteller Martin Walser hat sie einmal zu Recht als „Tabuzüchtung im Dienste der Aufklärung“ bezeichnet. Sie verwandelt viele der sich liberal Wähnenden sofort zu Scharfrichtern, wenn ihr Weltbild auch nur angekratzt wird.
 

David Berger kann ein Lied davon singen. In der jüngsten Ausgabe der „Zeit“ beklagt der homosexuelle katholische Theologe einen „säkularen Dogmatismus, der im Gewande der Toleranz auftritt, aber nur eine Wahrheit gelten lässt“. Berger weiß, wovon er spricht.
 

Kürzlich beschuldigte man ihn nicht nur, sich unter dem Pseudonym Johannes Gabriel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gegen das Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare ausgesprochen zu haben, sondern attackierte ihn deswegen auch in einer Weise, die an Sarrazin erinnert und die jegliche Form der gesitteten Debattenkultur sprengt. Berger schildert, durch welchen Shitstorm er sich kämpfen und welche Drohungen er hinnehmen musste.
 

Fast jede Debatte kann in Deutschland unter das Damoklesschwert der Frage nach Schuld und Scheitern der Demokratie an sich geraten und damit den Wettstreit der Worte unterbinden, der zur Demokratie gehört.
Offenbar mangelt es den Deutschen noch immer an Selbstsicherheit. Verfügten sie über diese innere Souveränität, wüssten sie: Die deutsche Demokratie ist zwar verwundbar, aber auch so gefestigt, dass ihr Minderheitsmeinungen nichts anhaben können – und seien sie noch so verquer.



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