Sonntag, 25. Juni 2017

25.06.2017 - Widerwärtig

Jüngst hat der Aufbau-Verlag die Briefe von Victor Klemperer veröffentlicht, dem Professor der Romanistik, der die Hitler-Zeit in Dresden überlebte und mit seinem Tagebuch eine Chronik des Alltags der Judenverfolgung schrieb. 1953 gratulierte Klemperer seinem Neffen Peter und dessen Frau Inge zur Geburt ihres Sohns David. Der Großonkel machte sich Gedanken darüber, ob David wegen seines Namens später Anfeindungen erleben werde. Es war für den Einundsiebzigjährigen aber nicht nur eine Frage der Klugheit, ob ein Kind einen Namen erhalten sollte, der als Hinweis auf Zugehörigkeit zum Judentum verstanden wurde. Klemperer legte seine „eigene Position“ dar: „Ich habe einen furchtbaren Hass auf allen Rassenhochmut.“ Diesen Hochmut sah er nicht nur im 1945 untergegangenen Staat der Judenfeinde, sondern auch in dem Staat der Juden, der drei Jahre später in Palästina proklamiert worden war. „Antisemitismus und Zionismus sind mir gleichermaßen widerwärtig und scheinen mir gleichermaßen vorsintflutlich.“
Würde Klemperer diese These heute in einem Artikel in einer deutschen Zeitung oder in einem Vortrag an einer deutschen Universität vertreten, wäre der Skandal programmiert. Und nähme er an einer Demonstration unter dieser Losung teil, träten ihm Gegendemonstranten in den Weg, an der Spitze vermutlich Volker Beck, der Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe des Bundestages. Als nämlich vor zwei Wochen in Frankfurt eine Konferenz zum fünfzigsten Jahrestag der israelischen Besetzung der Palästinensergebiete stattfand, reiste der Grünen-Abgeordnete an, um dagegen zu protestieren, dass die Tagung nicht abgesagt worden war. Beck sagte: „Wer gegen Zionismus ist, der ist gegen den Staat Israel, und dem werden wir nicht widerspruchslos unsere Straßen zur Verfügung stellen.“ (FAZ)

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