Montag, 19. Juni 2017

19.06.2017 - Ironie?

Nicht nur Linksliberale und die Zeitgeistigen haderten damit, dass hier jemand mit dem Saumagen Politik machte. Auch Konservative behandelten Kohl, als könne er es nicht, als sei er ein Stümper, als verhunze er das Idealbild von Politik. 

Das ist einer der Gründe, warum sich Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker zeitlebens für die Besseren hielten und warum das „Aussitzen“ seither zum Repertoire nicht nur linker, sondern auch rechter Kritik an einer Politik gehört, der die „fortschrittliche“ Unruhe, das Fingerschnippen der einfachen Lösungen, das Ideale fehlt. ... 

Denken in „guter Metropole“ und „böser Provinz“ gehört zu einer eigenartigen Amnesie der Bundesrepublik, dessen Zukunftsträchtigkeit Kohl sechzehn Jahre lang widerlegte. Die Pfalz – oder jede andere historische Landschaft Deutschlands – ist eben nicht ein Hort der Unvollkommenheit oder Rückständigkeit, sondern das große Kleine im kleinen Großen. 

In diesem Fall äußert sich das in der engen, nachrevolutionären Verbindung zu Frankreich, die Land und Leuten eine frühe republikanische Prägung und gelassene Lebensart gab. Ohne diese Vielfalt deutscher „Provinz“ wäre die Einheit eine ziemlich trostlose Angelegenheit und eben die gesichtslose Machtmaschinerie geworden, die Kritiker Kohls gerade daraus, aus seiner vermeintlich minderbemittelten Herkunft heraus erklären wollten. 

Es ist eine Ironie der Zeitgeschichte, dass der Kanzler dieser Einheit das architektonische Sinnbild solcher Befürchtungen, das Kanzleramt der Berliner Republik, zwar entwerfen ließ, aber nie bezog. FAZ

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