Donnerstag, 15. Juni 2017

15.06.2017 - Nation

Das Exponat liegt neben anderen Druckwerken in einer Vitrine im Innenhof des Martin-Gropius-Baus in Berlin, und es ist so klein, dass man es fast übersieht. „An den Christlichen Adel deutscher Nation“ heißt die Schrift, mit der sich der Augustinermönch Luther im August 1520 an die Fürsten des Heiligen Römischen Reiches wendet. In ihr kündigt er den Konsens des Mittelalters auf: den Vorrang der geistlichen vor der weltlichen Gewalt, die Mittlerrolle der Kirche, die Priesterweihe. Wir alle, schreibt er, seien durch die Taufe zu Priestern geweiht. Jeder Geistliche, auch der Papst, unterstehe der weltlichen Justiz. Das kleine Heft hat Broschürenformat; in heutiger Type füllt der Text keine zehn Seiten. Seine Wirkung jedoch geht in Wellen aus Feuer, Blut und bedrucktem Papier durch die letzten fünfhundert Jahre menschlicher Geschichte, und der Konflikt, den Luther mit einem Gewaltstreich löst, das Verhältnis zwischen Staat und Religion, beschäftigt uns immer noch.
FAZ

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