Freitag, 25. August 2017

25.08.2017 - Moral

Sklavenmoral
Das späte 19. Jahrhundert war faszinierend produktiv darin, neue Begriffe hervorzubringen, mit denen das Wort Moral und das ethische Konzept, welche es bezeichnete, kritisiert wurden. Einer der größten Moral-Verhöhnungs-Vokabeln-Erfinder  war Friedrich Nietzsche. Ihm verdankt die deutsche Sprache so schöne Wortbildungen wie den Moraltrompeter von Säckingen (gemünzt auf Friedrich Schiller), die Sklavenmoral (des Christentums) und das heute noch ziemlich geläufige Adjektiv moralinsauer, in dem er den ätzenden Witz seiner Kritik mit der Terminologie der damals modernsten Wissenschaft, der Chemie, verknüpfte.
So originell, wie es heute erscheint, war Nietzsche damit allerdings nicht. Eduard Engel, der allwissende, überscharfe Sprachkritiker, hat schon in seiner „Deutschen Stilkunst“ 1911 darauf hingewiesen, dass der Philosoph nur das Wortbildungsmuster und den Humor des Antisemiten Paul de Lagarde kopierte, der 1873 das Reformjudentum als „judainfreies Judentum“ verhöhnt hatte. Judain hat Nietzsche denn auch mehrfach in seinen Werken benutzt und nach seinem Vorbild auch noch das Substantiv Moralin und das Adjektiv moralinfrei geschaffen. (Welt)

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