Sonntag, 29. Januar 2017

29.01.2017 - Annäherungen

"Der Dichter bezeugt die Freiheit in der Dichtung, so wie die Katze sie in ihrem ganzen Wesen bezeugt. Es kann daher nicht wundernehmen, daß beide so oft befreundet sind. Im Wort gewinnt der Dichter Freiheit; keine Not, kein Zwang erreichen, daß er es beugt oder verletzt. (...) 

Die Katze gehorcht nicht auf Befehl. Sie kommt entweder freiwillig oder gar nicht. (...)

In dieser Hinsicht repräsentiert unsere Hauskatze den Familientypen reiner als der Löwe und der Tiger, deren Dressur freilich ein Wagnis bleibt. Die Katze macht nicht Männchen, sie läßt sich keinen Frack anziehen. Sie läßt sich nicht bändigen, das widerspräche der Würde, für die sie Sinn hat und auf die sie hält. 

Sie wird sich auch nicht auf Kläffereien und Beißereien einlassen, sondern geht dem aus dem Weg. Wird sie gestellt und findet keinen Ausweeg, so kämpft sie bis zum Tod. Baudelaire ist Freund der Katzen; er hat sie wie auch andere Tiere in ihrer Tiefe erfaßt." 

Ernst Jünger: Annäherungen. 
Kapitel 107

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