Mitte der fünfziger Jahre, als "Der Fragebogen" auf Englisch erschien, schrieb die "New York Times", Ernst von Salomon gehöre nicht zu jenen Leuten, "die genug Liebe für ihr Vaterland besitzen, um zu schweigen und den Kopf zu senken".
Er hätte also -- und das war die Meinung
vieler amerikanischer Rezensenten -- die Feder beiseitelegen sollen, erdrückt
von Schuld. War er denn nicht auch tatsächlich der Prototyp jener schnarrenden,
zynischen und am Ende kriminellen Preußen, welche die Welt seit Mars-la-Tour,
Vionville und Sedan schaudern machten? War er, Sprössling einer preußischen
Offiziers- und Beamtenfamilie, nicht tatsächlich in der Kadetten-Anstalt von
Berlin-Lichterfelde zu einem jener Militär-Roboter dressiert worden, die zwei
Weltkriege und den Mord an den Juden anzettelten? War er nicht, noch ein
Schnösel von 17 Jahren, zu den deutschen Landsknechten ins Baltikum entlaufen?
Hatte er nicht, mit "Hakenkreuz am Stahlhelm", gegen die Weimarer
Republik geputscht und schließlich 1922 -- grausiger Höhepunkt einer durch
Indoktrination, Milieu
und Verblendung vorgezeichneten
Lebensbahn -- als Helfer mitgewirkt bei der Ermordung Walther Rathenaus. des
Juden und "Erfüllungspolitikers"?
Nach Auschwitz könne man keine Gedichte
mehr schreiben, hat Theodor W. Adorno gemeint. Aber er. von Salomon. schrieb --
ausgerechnet er: der "Fememörder". Zwar waren es keine Gedichte,
sondern Erzählungen, Romane, Memorierendes, Huldigungen an "Preußen"
allesamt, von seinem Erstling "Die Geächteten" (1930) an his hin zu
"Die schöne Wilhelmine" (1965).
Und wie er schrieb -- plaudernd. der
moralischen Abgründe ringsum scheinbar nicht achtend. schnoddrig und zynisch,
wie gar Freunde meinten. Einen "Raconteur" hat man ihn genannt.
"Wenn ich mich an die alten Sachen zu erinnern versuche", ließ er
eine Figur seines "Fragebogens" sagen. "dann fallen mir immer
zuerst die komischen Geschichten ein." Daß die Tochter des Berliner
US-Botschafters Dodd bei der Begrüßung einer Diplomaten-Dame sich heimlich am
Po kratzt -- er bemerkte es, und er berichtete es in dem
"Fragebogen"-Buch" das doch eigentlich von Schuld handeln
sollte. An anderer Stelle macht er sich über Ernst Jünger lustig, weil der
geglaubt habe, er, Salomon, werde sich sein "Leben lang verzückten
Angesichtes bemühen" brave Minister mit Revolverkugeln zu
durchlöchern". Das steht da so -- spaßig, spöttisch, kahl. Kein Gedanke an
Schmerz und Blut des "Ministers". kein Gedanke auch. daß Jüngers
Verdacht gar nicht so komisch gewesen sein könnte -- oder doch? Koketterie also
dann am Rande des moralischen Abgrunds>
"Leichtsinnig" hat man ihn
genannt" und tatsächlich: Er war leichten Sinnes, kein Tiefsinner, aber
auch kein hohler Kopf, wohl ein Plauderer. aber einer, der von den Schrecken
seiner Zeit wußte und verstand, darüber im Konversationston zu reflektieren
eine seltene Gabe in Deutschland. Was
denn eigentlich die Fememörder wollten? Seine Antwort: Ihre Attentate sollten
"Fanale"
sein, Zeichen von
"Verzweiflung".
Salomon. der Verehrer Preußens, ein
Anarchist? So wunderlich war das gar nicht -- damals, als die Konservativen
schriller "Revolution" riefen als die Sozialdemokraten.
Ernst Rowohlt, damals ein Sowjet-Freund,
hatte ihn auf Anhieb gemocht, "ein Kerl", soll er gesagt und den
"Bombenschmeißer" stolz unter den Literaten seines Verlages
herumgereicht haben. Und Salomon mochte die "elefantenhafte Anmut"
Rowohlts. Eine Lebensfreundschaft.
Schuld und Leichtsinn, Anarchie und
Ironie -- der Stern in der Nacht war "Preußen". Er liebte das
Künstliche, Nüchterne, Rationale dieses Staates und spottete über das
"Hüpfen der Lämmer auf den Weiden" des übrigen Deutschlands.
Doch zum Schluß flüchtete er selber ins
Idyll. In den Wiesen zwischen Luhe und Elbe siedelte er sich an. Dort starb er
am Mittwoch letzter Woche.
DER SPIEGEL
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